DSi

TNG 5.23 Ich bin Hugh


I, Borg

von Yann-Patrick Schlame

Episodenbeschreibung

Sternzeit: 45854,2
Die Enterprise kartographiert gerade den Argolis-Schwarm, als sie von einem Mond ein unbekanntes Signal auffängt. Rikers Außenteam entdeckt einen verletzten Borg in einem abgestürzten Schiff, weitere 4 tote Borg liegen in der Nähe der Absturzstelle. Dr. Crusher besteht darauf, den Borg an Bord der Enterprise zu holen und ihn zu behandeln. Picard willigt ein, lässt sie die Behandlung aber in der Gefängniszelle anstatt auf der Krankenstation durchführen, während Geordi ein Subraumdämpfungsfeld um die Zelle herum errichtet, damit die Drohne keine Signale senden oder empfangen kann. Da einige der Borgimplantate beschädigt sind, steht es nicht gut um die Drohne, sofern man keine Implantate repliziert. Aber Geordi hat eine Idee: Wenn man dem Borg eine zerstörerische Programmiersequenz, quasi einen Virus, eingibt und ihn wieder dem Kollektiv übergibt, müsste sich eine Kettenreaktion ergeben, die wegen der kollektiven Organisation der Borg alle von ihnen zerstören würde, was allerdings einige Monate in Anspruch nehmen würde.
Dr. Crusher ist mit dieser Idee nicht einverstanden: Sie betrachtet die Drohne als Individuum, dem sie helfen muss und das man nicht zur Vernichtung einer ganzen Rasse einsetzen darf, doch Picard ist anderer Meinung: Er lässt alles vorbereiten, damit Geordis Plan ausgeführt werden kann, was aber noch einiger Zeit bedarf, so dass Dr. Crusher sich zunächst um den Borg kümmert. Geordi bastelt ihm einen frequenzveränderbaren Energieanschluss zusammen, da Borg nicht essen oder trinken, sondern Energie aufnehmen.
Indes übt sich Picard mit Guinan im Fechten. Sie gibt ihm zu verstehen, dass sie mit der Zerstörung aller Borg überaus zufrieden wäre und bei dieser Rasse keine Gnade walten lassen würde, immerhin wurde ihr Volk von den Borg fast völlig ausgelöscht und die wenigen Überlebenden im ganzen Universum verstreut.
Während Geordi unter dem Deckmantel der Hilfeleistung mit dem Borg einige Tests durchführt, erfährt er, dass sich der Borg als Dritter von Fünf identifiziert, aber keinen Namen hat. Aus einem Missverständnis heraus nennen er und Dr. Crusher den Borg "Hugh". Hugh erfährt, dass Geordi als Mensch keine Stimmen hört, wenn er schläft. Auch Hugh hört im Moment nicht die Stimmen des Kollektivs, was für ihn ein verwirrendes Gefühl ist, und Geordi versucht ihm die Bedeutung der Individualität beizubringen.
Als er sich später mit Guinan unterhält, beginnt er an seinem Plan zu zweifeln. Er entdeckt in Hugh ein Individuum, das sich wie ein Kind verhält: Es muss erst lernen, was es damit auf sich hat, nicht mehr im Kollektiv zu sein und keine Stimmen mehr zu hören. Guinan ist Geordi gegenüber so deutlich wie gegenüber Picard: Sie sieht in Hugh eine Drohne, einen Überbringer von Tod und Qualen, doch Geordi überredet sie, sich erst mit Hugh zu unterhalten, bevor sie sich ein Bild von ihm macht. Sie entdeckt, dass Hugh durchaus menschlich reagiert. Er erkennt, dass sowohl er als auch Guinan einsam sind, da sie von ihrem Volk getrennt wurden. Als Guinan ihm erklärt, dass Widerstand nicht zwecklos ist, bedenkt er die Äußerung und fragt nach: "Widerstand ist nicht zwecklos?"
Die Sensoren orten indes ein weiteres Borgaufklärungsschiff, das sich dem System nähert und in 30 Stunden da sein wird. Geordi erläutert seinen Virus: Es handelt sich um eine paradoxe Form, die er in Hughs Speicher eingeben will. Hugh wird versuchen, die Form zu berechnen, was ihm nicht gelingen kann. Wenn er dann wieder ins Kollektiv gelangt, werden alle Borg sich daran versuchen, wodurch sie nach einer gewissen Zeit, etwa einigen Monaten, zugrunde gehen werden: Man könnte sagen, die Borg werden verrückt. Allerdings äußert Geordi dem Captain gegenüber Zweifel, was diesen Plan angeht: Seine Beziehung zu Hugh hat ihm gezeigt, dass er es mit einem fühlenden und denkenden Wesen zu tun hat, nicht mit einer abhängigen Drohne. Picard ist uneinsichtig und befiehlt Geordi, die Beziehung zu Hugh zu beenden... bis er mit Guinan spricht, die ihre Einstellung zu Hugh geändert hat. Sie ist sich nicht mehr sicher, ob Hugh noch ein Borg ist und bittet Picard, die Lage noch einmal zu überdenken.
Also lässt Picard Hugh in seinen Raum bringen, wo Hugh ihn als Locutus identifiziert. Picard stellt Hugh einige Fragen bezüglich der Borg, bedrängt ihn, indem er so tut, als sei er wirklich Locutus. Er meint, die Kultur der Menschen wird assimiliert. Hugh fragt, ob dann auch Geordi assimiliert wird und meint, Geordi würde lieber sterben als sich assimilieren zu lassen. Picard/Locutus antwortet, dass Geordi in dem Fall sterben wird. Hugh weigert sich und spricht plötzlich von sich selbst in der ersten Person, während er zuvor immer nur "wir" sagte. Picard kann es kaum fassen: Der Borg sagte "Ich bin Hugh."
Er beruft eine Besprechung ein und bläst den Plan mit dem Virus ab. Doch was soll man tun? Wenn man Hughs Erinnerungsspeicher löscht und ihn vor dem Eintreffen des anderen Schiffes wieder zurück auf den Mond bringt, geht seine neu gewonnene Individualität verloren. Andererseits werden die Borg seinen Erinnerungsspeicher wohl ohnehin löschen; es besteht allerdings die Möglichkeit, dass sich in dem kurzen Zeitraum, bis das getan ist, die Erkenntnis der Individualität bei den Borg verbreitet, ähnlich wie es Geordis paradoxe Form hätte tun sollen.
Man beschließt, Hugh die Wahl zu lassen und bietet ihm sogar Asyl an. Nach einigem Überlegen entscheidet Hugh, dass man ihn zurückbringen soll, auch wenn dann seine Erinnerung durch die Borg gelöscht werden wird; er weiß, dass die Borg andernfalls nach ihm suchen und nötigenfalls die Enterprise - mit Geordi an Bord - zerstören würden. Während sich die Enterprise in der Chromosphäre des Mondes versteckt, begleitet Geordi seinen neuen Freund und verabschiedet sich von ihm, als die Besatzung des zweiten Borgschiffes eintrifft und Hugh abholt (Geordi wird ignoriert, da die Borg Kulturen assimilieren, keine Individuen).




Bewertung

Diese Episode spiegelt bestens den Charakter von Star Trek wieder: Bisher wurden die Borg als willenlose Massenmörder und Zwangsassimilierer gezeigt, deren Zerstörung der einzige Weg war, selbst zu überleben. Mit Hugh erfährt man, dass die Drohnen, wenn sie vom Kollektiv getrennt werden, durchaus zu Individuen reifen können und die Borg daher nicht so vernichtenswert sind, wie sie bisher schienen.
Am Beispiel Picards und Guinans wird der Gewissenskonflikt besonders deutlich: Beide wollen zunächst die Borg vernichten, sind bereit, die ganze Rasse auszulöschen. Trotz gegenteiliger Berichte müssen sie erst selbst mit Hugh sprechen, bevor sie glauben, dass er ein Selbstbewusstsein entwickelt hat. Insbesondere Picard schwingt sich hier zum Inquisitor auf, sieht es als seine Pflicht, die Borg zu vernichten. Dabei spielt auch seine Gefangennahme durch die Borg in "In den Händen der Borg" eine Rolle. Es scheint, dass er sich an den Borg persönlich rächen will, auch wenn er das weder sich noch anderen eingesteht.
Es ist eine schwierige Situation, und man lässt sich eine vielleicht einzigartige Gelegenheit entgehen, aber letzten Endes siegt - sonst wäre es nicht Trek - der gute Wille: Man lässt Hugh frei wählen, was er möchte und verzichtet auf die Vernichtung der Rasse. Picard und Guinan muss dies wohl am schwersten gefallen sein, denn von allen an Bord der Enterprise haben sie die meisten Gründe, die Borg zu hassen.
Dabei ist es spannend zu beobachten, wie Picard und die sonst immer friedfertige Guinan von den Darstellern verkörpert werden: Beide wirken sehr intensiv, vor allem wie üblich Patrick Stewart, der den verbitterten Picard mit unglaublicher Intensität herüberbringt, als er sich vom guten Captain in einen bösartigen Rächer verwandelt, der mit dem Forscher, der Picard sonst ist, kaum noch etwas gemeinsam hat. Dieses Verhalten, ebenfalls in Zusammenhang mit den Borg, lässt sich in Star Trek: Der erste Kontakt" erneut bei ihm beobachten.

Neben den Neuigkeiten über die Borg wird auch die Mannschaft, zumindest zum Teil, recht ausführlich behandelt:
Dr. Crusher fällt auf, da sie ursprünglich die Rettung Hughs initiiert und sich als erste gegen den Plan der Vernichtung der Borg wendet.
Auf Geordi liegt ebenfalls ein großes Augenmerk, denn er schließt mit Hugh Freundschaft, was er sich wohl kurz vorher noch kaum vorstellen konnte.
Von Data und Worf sieht man wenig, auch Riker und Troi machen sich rar.

Die Episode ist gut in Szene gesetzt, überzeugt aber vor allem durch Darsteller und Handlung.

In der deutschen Erstausstrahlung enthielt die Episode noch einen schweren Synchronisationsfehler: "Hugh" wurde ursprünglich "Du" genannt, so dass der titelgebende Hugh in der deutschen Version nicht vorkam. In "Angriff der Borg" wurde Hugh dann korrekterweise Hugh genannt. Überraschenderweise wurde "Ich bin Hugh" 1996 neu synchronisiert, seitdem heißt Hugh auch in der deutschen Fassung "Hugh".
Vielen Dank an unseren Leser Tom Petersen für diesen Hinweis.

Interessantes Detail am Rande: Bevor Hugh seine Individualität entdeckt, fragt er:
"Habe ich denn einen Namen?"
Danke an unseren Besucher Andi S. für diesen Hinweis.

Bestes Zitat, von Picard über den Borg:

"Es ist, was es ist!"

Spannung: 5 SFX: 5 Handlung: 6 Gesamt: 5
Zusammenhänge
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Ausdruck vom: 14. 11. 2019
Stand des Reviews: 24. 03. 2019
URL: http://www.startrek-index.de/tv/tng5_23.htm