DSi

TNG 6.26 Angriff der Borg Teil I


Descent Part I

von Yann-Patrick Schlame

Episodenbeschreibung

Sternzeit: 46982,1
Data spielt mit einer erlesenen Gruppe von Wissenschaftlern Poker: Albert Einstein, Sir Isaac Newton und Professor Stephen Hawking. Die vier diskutieren während des Spiels über einige physikalische Prinzipien und Theorien, wobei Data versucht, seinen Charakter durch diese Begegnung zu stärken. Doch als gleich darauf roter Alarm gegeben wird, zeigt sich, dass die Pokerparty im Holodeck stattfindet...

Der unbedeutende Föderationsaußenposten auf Ohniaka III hat einen Notruf ausgesandt. Beim Eintreffen findet die Enterprise ein fremdes Schiff mit enormen Ausmaßen im Orbit vor. Riker beamt mit einem Außenteam hinunter und findet heraus, dass sämtliche auf dem Außenposten Stationierten getötet wurden, ohne dass der Posten selbst verwüstet oder durchwühlt wurde. Dann entdeckt man mehrere Borg. Data erschlägt zwei von ihnen mit den bloßen Händen, empfindet dabei Wut. Gleichzeitig wird die Enterprise von dem Schiff angegriffen. Die Borg werden vom Planeten gebeamt, und das Schiff verschwindet in einer Subraumverzerrung.

Wegen seiner unerklärlichen Emotionen lässt sich Data vorerst vom Dienst befreien, während in einer Besprechung die Vorfälle dargelegt werden. Riker erklärt, dass sich die Borg sehr untypisch verhielten: Sie kämpften beinahe wie Klingonen, einer von ihnen sprach von sich selbst in der Ichform, und sie versuchten offensichtlich nicht, den Posten oder das Außenteam zu assimilieren. Man vermutet, dass die Ereignisse um den Borg Hugh etwas mit dem veränderten Verhalten der Borg zu tun haben könnten.
Indes kümmert sich Geordi um Data, doch kann er nichts Ungewöhnliches feststellen; auch Datas Selbstdiagnose ergibt keine Abweichungen. Dennoch ist sich Data sicher, dass er intensiv das Gefühl der Wut erlebt hat. Aber sein Versuch, sich verschiedenen Reizen auszusetzen, um weitere Emotionen zu erleben, misslingt.

Nachdem zwei Tage ohne weitere Zwischenfälle vergehen, trifft Admiral Nechayev mit ihrem Schiff, der Gorkon, ein. Sie verlangt von Picard eine Erklärung dafür, dass er Hugh nicht, wie er es ursprünglich plante, mit der "Zeitbombe" ins Kollektiv zurückschickte. Nechayev ignoriert Picards Erklärung, dass er das nicht für moralisch hielt, und befiehlt ihm, seine nächste Chance zur Vernichtung der Borg wahrzunehmen.
In einem Gespräch mit Deanna wird Data klar, dass er am ehesten Emotionen hervorrufen kann, wenn er die Ereignisse auf Ohniaka III nachstellt. Im Holodeck kämpft er mehrfach den Kampf gegen einen der Borg, wobei er den Borg jedes mal stärker simulieren lässt. Doch als die Sicherheitsprotokolle des Holodecks abgeschaltet werden müssten, damit der Borg noch stärker dargestellt wird, will Geordi ihm nicht helfen. Data erläutert, dass er dieses Experiment nur dann erfolgreich abschließen kann, wenn für ihn tatsächlich, wie auf dem Planeten, eine reale Gefahr besteht, doch Geordi sieht das nicht ein und meint, es wäre zu gefährlich, die Sicherheitsmaßnahmen zu deaktivieren.

Dann gibt es erneut roten Alarm: Die MS-1-Kolonie hat einen Notruf gesendet. Dort angekommen, entdeckt die Enterprise von Neuem das fremde Schiff, welches wie zuvor in einer Subraumverzerrung verschwindet. Die Enterprise folgt in die Subraumverzerrung. Als sie nach kurzer Zeit wieder in den normalen Raum zurückkehrt, ist das Borgschiff ganz in der Nähe und greift die Enterprise an. Gleichzeitig werden zwei Drohnen auf die Brücke gebeamt. Man kann die Drohnen erschießen, doch das Schiff hat Zeit, unbemerkt zu verschwinden. Picard und Riker erkennen eine weitere Veränderung in der Taktik der Borg: Sie lassen die Gefallenen zurück, was sie früher nicht taten. Doch einer der beiden lebt noch. Crusher kann seinen Zustand stabilisieren. Der Borg, der sich selbst Crosis nennt, erklärt, dass minderwertige Kulturen nicht assimiliert, sondern vernichtet werden. Zudem spricht er von "der Eins", aber ohne zu sagen, um wen es sich dabei handelt. Data soll überprüfen, ob der Borg eine Subraumverbindung zum Kollektiv aufzunehmen versucht. Doch der Borg unterhält sich mit Data und gibt ihm zu verstehen, dass Data nicht, wie die Menschen, einer minderwertigen Lebensform angehört, sondern dass er assimiliert werden soll. Dann drückt er einen Knopf an seinem Anzug und spricht mit Data über dessen Gefühle, als er auf Ohniaka III den Borg tötete. Data gibt zu, dass er nicht nur Wut empfand, sondern auch ein gewisses Vergnügen. Und er will dieses Gefühl noch einmal haben. Zwar hadert Data mit seinem "Gewissen", also dem Bewusstsein für Recht und Unrecht, welches ihm sein Schöpfer Dr. Soong eingegeben hat, doch schließlich erklärt Data, dass er sogar bereit wäre, Geordi zu töten, wenn er nur dieses Vergnügen noch einmal empfinden kann.
Während man auf der Brücke noch rätselt, wie die Borg mit so hoher Geschwindigkeit reisen können, verschwinden Data und Crosis mit einem Shuttle und öffnen eine Subraumverzerrung. Da Data den Traktorstrahl lahmgelegt hat, kann man nur zusehen, wie das Shuttle verschwindet. Doch es gelingt Geordi, den Hochenergietachyonimpuls zu simulieren, mit dem die Borg offensichtlich die Subraumverzerrungen öffnen, und die Enterprise verfolgt das Shuttle in ein weit entferntes System. Schließlich findet man das Shuttle auf einem Klasse M-Planeten, doch ein heruntergebeamtes Außenteam entdeckt keine Spuren von Data oder Crosis, die das Shuttle dem Logbuch zufolge drei Stunden zuvor verlassen haben. Picard entschließt sich, jede verfügbare Person auf den Planeten zu beamen, um nach Data zu suchen; das Kommando übergibt er an Dr. Crusher, der er die Anweisung gibt, sofort und ohne Rücksicht auf die Außenteams zu verschwinden, wenn das Borgschiff auftauchen sollte.

Auf dem sonnigen Planeten muss man die gesamte Umgebung zu Fuß absuchen, da durch natürliche Energiefelder die Tricorder nur eine minimale Reichweite haben. Der Vierertrupp von Picard, Geordi, Deanna und einem Crewman stößt schließlich auf ein riesiges Gebäude. Im Inneren findet man einen Versammlungsraum vor, der scheinbar noch in Benutzung ist, obwohl sich keine Lebensformen scannen lassen. Geordi entdeckt, dass selbst Lampen keine Energiesignatur auf dem Tricorder anzeigen: Scheinbar gibt es ein Dämpfungsfeld, das Scannen verhindern soll. Doch als Picards Team wieder hinausgehen will, strömen beinahe hundert Borg in den Raum, erschießen den Crewman und umzingeln die Gruppe. Gleich darauf betritt Data eine Empore, oder zumindest scheint es Data zu sein. Aber Deanna erkennt sofort, dass es Datas "Bruder" Lore ist. Data folgt ihm allerdings und verkündet, dass die Söhne von Soong wieder vereinigt sind und die Föderation vernichten werden...




Bewertung

Mit einem spektakulären Cliffhanger endet hier die sechste Staffel von TNG. Die Handlung ist vielseitig und gut durchdacht, auch die Charaktere sind interessant. Neben einem Wiedersehen mit den Borg, die hier noch wesentlich interessanter werden, als sie es ohnehin schon waren, wird vor allem die Handlung um Data und sein immer währendes Streben nach der Menschlichkeit in großen Schritten vorangetrieben.

Dabei ist spätestens bei dieser Episode eine profunde Kenntnis der vorigen Staffeln unerlässlich, denn die Bezüge reichen bis zurück in die erste Staffel ("Das Duplikat"), wo Lore als Datas böser Bruder eingeführt wurde, und in die zweite Staffel ("Zeitsprung mit Q"), wo Q die erste Begegnung mit den Borg herbeiführte, die seitdem ein Schlüsselelement im Trek-Universum bilden. Am wichtigsten für das Verständnis sind aber die Episoden "Die ungleichen Brüder" aus der vierten Staffel, wo Data vom Emotionschip erfuhr, den Dr. Soong eigentlich für ihn gefertigt hatte, den sich aber Lore einverleibte, und "Ich bin Hugh" aus der fünften Staffel, wo die Besatzung der Enterprise den jungen Borg Hugh zu einem Individuum heranzog und ihn anschließend ins Kollektiv zurückschickte.

Auf der Basis dieser Zusammenhänge sind die hier zu sehenden Borg zu Individuen geworden, deren Ziel nicht mehr die Assimilierung, sondern die Vernichtung minderwertiger Kulturen ist. Picard wird daher mit den Folgen seines moralischen Handelns in "Ich bin Hugh" konfrontiert. Adm. Nechayev macht es Picard zum Vorwurf, dass er nicht die Chance genutzt hat, den Todfeind der Föderation auszulöschen, und so fragt sich der Captain im Gespräch mit Riker auch selbst, ob seine Entscheidung damals richtig war.
Die Komplexität dieser Situation macht die Handlung erst richtig interessant, denn es gibt für einen solchen Fall keine Musterlösung. Aber trotz allen Hasses, den Picard gegen die Borg hegt, hat er sich gegen die Vernichtung ihrer Spezies entschlossen, und diese Entscheidung mag falsch gewesen sein oder auch nicht, doch ist sie nachvollziehbar. Und schließlich sind Gnade bzw. Vergebung Dinge, die integraler Bestandteil von Trek sind. Jedoch ist es interessant zu beobachten, wie sich die Konfliktsituationen im Laufe von TNG verändert haben: Zwar gab es auch in den ersten Staffeln Probleme, die nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelöst werden konnten, doch mit der Möglichkeit alle Borg zu vernichten, wird ein spannender innerer Zwist Picards herbeigeführt, welcher auf der einen Seite das Wohl der Föderation im Auge behalten muss, auf der anderen Seite aber auch die Prinzipien, die die Föderation erst zu dem gemacht haben, was sie ist, zu beachten hat. Dass Picards damalige Entscheidung zu Gunsten der Prinzipien Folgen hat, ist eine weitere positive Entwicklung der Serie, wo lose Enden allzu oft nie wieder aufgegriffen wurden.

Doch zurück zur Bewertung der Episode: Picard und vor allem Data stehen klar im Mittelpunkt, was der Episode aber keineswegs schadet. Datas erste echte Gefühle lösen bei ihm natürlich Verwirrung aus, führen aber auch zu einigen amüsanten Szenen, da er versucht, diese Gefühle auf nüchterne Weise zu analysieren, was ihm nicht gelingen kann. Doch wird auch die Ernsthaftigkeit verdeutlicht: Als er mit Deanna spricht, meint Data, dass er möglicherweise einmal ein böser Mensch werden wird, sollte er das Ziel der Menschwerdung je erreichen, denn die negativen Emotionen, also Hass und Wut, sind die ersten, die er je erlebt hat. Deanna versucht, ihn zu beschwichtigen und die Bewertung von Emotionen auf vielschichtigere Weise vorzunehmen, doch als Data erläutert, dass er Freude am Töten des Borg empfand, verstummen auch Deannas beruhigende Worte.
Data-Darsteller Brent Spiner leistet einmal mehr Hervorragendes: Zum einen sind seine Wutgefühle überzeugend dargestellt, zum anderen verzieht er keine Miene, als er auf dem Holodeck dieselbe Situation nachstellt und den Borg mehrfach mit monotoner Stimme zum Aufhören bewegen will. Gleich darauf setzt er wieder seinen gewohnt freundlichen Gesichtsausdruck auf und unterhält sich mit Geordi, als wäre nichts gewesen. Auch als Datas Gefühle, durch den Borg beeinflusst, umschlagen und er mit einem diabolischen, Furcht einflößenden Grinsen erklärt, dass er bereit wäre, Geordi zu töten, liefert Spiner eine exzellente Darstellung ab, und als er schließlich den herrlich bösen Lore verkörpert, sieht man ihm den Genuss an dieser Rolle, die das genaue Gegenteil Datas darstellt, förmlich an.

Etwas merkwürdig, obwohl nicht ganz aus dem sich auftuenden Zusammenhang um Datas Menschwerdung gerissen, wirkt die Pokerparty mit den drei großen Wissenschaftlern. Einstein und Newton sind interessant dargestellt, aber letztlich austauschbar. Umso faszinierender ist es, dass Professor Stephen Hawking höchstpersönlich zu den Gästen dieser Episode zählt und sich selbst verkörpert. Sicherlich mit einer gewissen Selbstironie gewinnt der bekennende Star Trek-Fan breit grinsend das Spiel.

Die deutsche Fassung wartet mal wieder mit einem der altbekannten Übersetzungsfehler auf: Als Crosis von "der Eins" erzählt, fragt Picard, ob dieser Eine vielleicht den Namen "Q" trägt. Im Original schweifen Picards Gedanken allerdings nicht zum omnipotenten Quälgeist ab, sondern landen recht naheliegend bei "Hugh", der wie man im zweiten Teil erfahren wird, auch durchaus seinen Anteil am Verhalten der Borg hat. Vielen Dank an unseren Leser Nikolai Stavros für den Hinweis zum Übersetzungsfehler.

Interessant: Brian Cousins, der hier den Borg Crosis darstellt, war bereits in der Episode "So nah und doch so fern" in der fünften Staffel zu sehen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass "Angriff der Borg (1)" schon allein wegen der Verkettung diverser loser Enden zu den wichtigen und hochwertigen Episoden der Serie zählt. Darüber hinaus sind aber auch Darsteller, Inszenierung und Story hervorragend umgesetzt, und der Zuschauer wird immer wieder mit kleinen Details erfreut, so z.B. ein verärgerter Picard, als zum dritten Mal ein Außenposten falschen Alarm gibt. Insgesamt eine sehr gute Episode.

Bestes Zitat, von Picard zu Adm. Nechayev:

"Niemand ist sich dieser Gefahr mehr bewusst, als ich es bin!"

Spannung: 6 SFX: 6 Handlung: 6 Gesamt: 6
Zusammenhänge
  • "Das Duplikat", erste Staffel: Einführung von Lore.
  • "Zeitsprung mit Q", zweite Staffel: Einführung der Borg.
  • "Die ungleichen Brüder", vierte Staffel: Data erfährt vom Emotionschip.
  • "Ich bin Hugh", fünfte Staffel: Die Borg werden ansatzweise zu Individuen.
  • In dieser Episode wird erwähnt, dass das Ausschalten der Sicherheitsprotokolle auf dem Holodeck die Erlaubnis von zwei Offizieren erfordert. Im Kinofilm Star Trek VIII: Der erste Kontakt kann Picard die Sicherheitsprotokolle auf der neuen Enterprise alleine außer Kraft setzen.
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Ausdruck vom: 09. 12. 2019
Stand des Reviews: 24. 03. 2019
URL: http://www.startrek-index.de/tv/tng6_26.htm